Reading the cities

Künstlerische Beiträge für den öffentlichen Raum

25. - 28. Oktober 2018
Leipzig

Reading the Cities

Die Ausstellung »Reading the Cities« reflektiert das Verhältnis der Partnerstädte Leipzig und Houston und darüber hinaus einen gemeinsamen Ideenraum, der die alte und die neue Welt miteinander verbindet. Sie vereint dafür neue künstlerische Arbeiten von elf Studierenden und Absolventen der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, die für den öffentlichen Raum entstanden sind.

KünstlerInnen

Field of Depth
Digital video, PVC banner, turf
2018

Ausgangspunkt für diese Arbeit ist die weite und gepflegte, parkähnliche Landschaft der Rice University. Sie entfaltet sich als eine Forschung mit den Mitteln der Fotografie und untersucht diesen Campus vergleichend mit der Houston University und der Texas Southern University. Sie umkreist dabei ein Spektrum von Fragen über die Herstellung dieser Landschaftsbilder und was sie den BetrachterInnen vermitteln.

Field of Depth besteht aus einer raumbezogenen Installation und einem 3-Kanal Video, das die verschiedenen Universitäten und ihre räumlichen Umgebungen kontrastiert. Das Video als Teil der Fiktion und Realität, führt zu der Funktionsweise dieser Landschaften, wo Bildung und Ressourcen eine vielschichtige Wechselbeziehung eingehen.

Ort: Augustusplatz, vor dem Paulinum

Bild: Jessica Arseneau

„The Promise“
Videostill, 2018

www.jessarseneau.github.io

L. T. Flohrschütz
Sign of the Times
Fotografie, Video
2018

Was löst aktuell die Ansicht einer amerikanischen Flagge vor einem Abendhimmel in uns aus? Was triggert eine Aufnahme, in der sich ein goldenes „M“ zwischen Kreuzen und Gitterstäben einfügt? Wie bewertet unsere Wahrnehmung Werbung, Symbol und Architektur? Wie aufmerksam sind wir – im Vorbeigehen – wenn es um die Wirkung lang gewohnter visueller Mittel auf unser (Unter-)Bewusstsein geht? Unterscheiden sich diese Mittel und unsere diesbezügliche Wahrnehmung je nach nationalem Kontext und Ursprung?

Ort: S-Bahn-Eingang Kleiner Wilhelm Leuschner Platz und

digitale Werbesäulen in der Petersstraße und Grimmaische Straße

Bild: „Sign of the Times“
L. T. Flohrschütz
35mm Fotografie, 2018

www.LTFlohrschuetz.com

Commitment Runs Deep
Mixed Media Installation
Winkelprofil, Flachstahl, 3x 100x100x300cm,
Digitaldruck auf Plane in verschiedenen Größen, Kabelbinder
2018

Der Fall des Modernismus, erhabene Industriebauten, Funktionalismus, fossile Brennstoffe, organische Polymere, Millionen Jahre alte Erdschichten, massives Aussterben, Deep Time, „rohes Material“, planetarisch operierende Megakonzerne und hyperdigitale Corporate-Ästhetik.

Die Installation, dessen Titel das Motto des Energiekonzerns Devon Energy „Commitment Runs Deep“ (Verpflichtung sitzt tief) enteignet, will die  Zusammenhänge zwischen den aufgezählten Entwicklungen schärfen. Die Metallkonstruktionen wurden den Strukturen der Offshore-Ölbohrtürme nachempfunden und tragen digitalbedruckte Planen. Darauf sind  urzeitlichen Landschaftsbilder und manipulierte Firmen-Logos zu sehen, die den spekulativen Inhalten der Informationstafeln naturhistorischer Museumsdisplays ähneln. Der Künstler konzentriert sich auf die angespannten Beziehungen, die sich aus dem Geflecht der durch geologische Zeitalter geformten Materien, der Ästhetiken zeitgenössischer, digitaler Konzerne sowie den synthetischen, technologischen Materialien entstehen.

Ort: Kleiner Wilhelm Leuschner Platz

Bild: Mark Fridvalszki
„Permian“
(digitale Collage)
2018

http://markfridvalszki.com
http://technologieunddasunheimliche.com
http://instagram.com/mark_fridvalszki

 

Meyerland
Multimedia Installation
2018

Meyerland ist ein 6000 Hektar großer Stadtteil Houstons, benannt nach der Familie Meyer, die dieses Land im Südwesten der Stadt im Jahr 1885 kaufte. Heute ist Meyerland das Zentrum der Jüdischen Gemeinde von Houston.

Die Installation von Mandy Gehrt zeigt eine Auswahl ihrer Rechercheergebnisse zur jüdischen Geschichte und zum gegenwärtigen jüdischen Leben in Houston. Dabei verfolgte sie intuitiv die Spuren und Hinweise, denen sie vor Ort begegnete. Sie sammelte und dokumentierte diese und entwickelte daraus eine Arbeit in der Form eines künstlerischen Archivs.

Ort: zwischen Thomaskirche und Commerzbank


Apollo
Skulptur
2018

Die Arbeit „Apollo“ greift die Form der Rettungskapsel für Astronauten auf und setzt hierbei die formalen Attribute technologischer Forschung mit den existenziellen Bedingungen des Überlebens in Extremsituationen ins Verhältnis.

Die Skulptur in der Form eines Pyramidenstumpfes verweist auch auf die Geschichte der Minimal Art, die industrielle Verfahren der Produktion aufruft und in ihrer modernen Materialität unsere Blicke gleichsam spiegelt.

Ort: Kleiner Wilhelm Leuschner Platz

Bild: Evgenij Gottfried
„Apollo“
2018


Black Forest Zydeco
Digitale Projektion, Loop
2003 / 2018

Eiko Grimberg reiste 2003 durch den Süden der USA. Mit seiner Kamera hielt er Begegnungen mit der amerikanischen Gesellschaft abseits der Metropolen fest. Ein Schwerpunkt seines Interesses lag auf den kulturellen Milieus in Texas und Louisiana, die, von Einwanderung und Kolonialismus geprägt, spezifische Musikstile und Alltagspraxen hervorbringen.

Das umfangreiche fotografische Konvolut war bisher nur ausschnitthaft in dem Künstlerbuch „When Germans clap, it’s like we boouuh“ (2003) zu sehen. Für „Reading the Cities“ unterzieht Grimberg das Material einer Relektüre und schafft für den öffentlichen Raum einen neues audiovisuelles Setting. Der Leipziger Produzent Jan Barich hat hierfür einen Audio-Track komponiert, der die fotografische Arbeit mit dem Sound ihrer Entstehung konfrontiert und diesen nunmehr historischen Kontext gleichzeitig erweitert. Die Arbeit greift ein utopische Moment der Fotografien neu auf und berührt darin ein Gegenwärtiges und Zukünftiges, wie es in Vergangenem zuweilen aufscheint.

Ort: zwischen Thomaskirche und Commerzbank

Learning from Houston:
Leipzig Downtown Tunnel System
Performance / Mixed Media
2018

Ausgehend von Houstons unterirdischem, elf Kilometer langen Fußgänger*innen-Tunnelsystem und von den Erfahrungen des „Jahrhundertsommers“ 2018 werden die Chancen und Möglichkeiten für das Leipzig Downtown Tunnel System (LDTS) untersucht.

Inspired by Houston – die Visionen für das LDTS werden in täglichen Führungen vorgestellt, bei denen bereits bestehende Anlagen besichtigt und historische Ansätze/Tunnelkonzepte eruiert werden.

The great artist of tomorrow will go underground. (M. Duchamp)

Die Führungen sind kostenfrei, die Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt.

Führungen:
Do. 25.10.: 19:00 Uhr
Fr. 26.10.: 16:00 Uhr
Sa. 27.10.: 16:00 Uhr
So. 28.10.: 16:00 Uhr

Ort: Augustusplatz und diverse Orte

Tendenz (mit Guckloch)
Skulptur
2018

Die Arbeit „Tendenz“ präsentiert skulptural eine Variation vom Markenzeichen des in Leipzig vertretenen, globalen Großkonzerns Amazon. Der Künstler wendet die Strategie des détournement (aus dem Französischen detournér: etwas eine andere Richtung geben) wortwörtlich an und dreht das Zeichen, ein nach oben gebogener Pfeil und ein Lächeln zugleich, auf den Kopf. Somit weist der Pfeil eine neue Richtung auf. Er ist Metapher der Bewegung, des Verhältnisses, der Parabel, deren Enden unbestimmt bleiben: Woher? Wohin? Wozu? Leipzig? Houston? Von A nach B? Oder: Von B nach A? Gleichzeitig stellt das umgedrehte Zeichen eine traurige Grimasse dar. Tendenz ist im räumlichen und inhaltlichen Sinne gemeint. Durch das Loch in der Mitte, in das man den Kopf stecken kann, lädt die Skulptur die Betrachterin dazu ein, in ein anderes Verhältnis mit ihr und so auch zum Markenzeichen zu treten, und eine bestimmte Stellung einzunehmen – eine Art Maske und Bühne.

Ort: Augustusplatz, vor dem Paulinum


To admit the Admission
Textplot
2018

‚To admit the Admission‘ setzt sich mit dem Wert des öffentlichen Raums und den Bedingungen seiner Zugänglichkeit auseinander. In Verschränkung der jeweils größten Kunstmuseen in Houston (Museum of Fine Arts, Houston) und Leipzig (Museum der Bildenden Künste) wird spekuliert, welche Voraussetzungen, Folgen und Preise mit der kostenfreien Zugänglichkeit dieser Orte verbunden sind.
Das 25-jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft zwischen Houston und Leipzig ist hierbei Anlass, diese Fragen in Form einer transatlantischen Adaption der Verhältnisse erneut auf die Tagesordnung zu setzen.

Ort: Museum der bildenden Künste

Bild:
Simon Elias Meier
Fotografie, 2018

Wardwards Ho
Komposition für 5 Frauenstimmen, 12:30 min
2018

Wardwards Ho ist eine Komposition in drei Teilen, I. HO/HOV, II. MetroRail RedLine, III. Epilogue, die für fünf tiefe Frauenstimmen konzipiert wurde.

Das Chorstück basiert auf Beobachtung der flüchtigen gesellschaftlichen Gefüge in den öffentlichen Verkehrsmitteln Houstons und bildet einen Multilog der Diskrepanzen zwischen öffentlicher Begegnung, Menschen in Autos, zwischen Chortradition und dem kommunikativen Potential popkultureller Ubiquität.

Aufführungstermine:
Donnerstag, 25. Oktober, 18:30 Uhr
Samstag, 27. Oktober, 14:30 Uhr und 16:30 Uhr

Ort: zwischen Thomaskirche und Commerzbank

Eröffnung: 25.10.2018, 18 UHR
Treffpunkt: Wilhelm-Leuschner-Platz, S-Bahn-Eingang, Innenstadtseite
Anschließender Rundgang zu den Ausstellungsorten Thomaskirche und Augustusplatz.

Laufzeit: 26.10. – 28.10.2018
Ganztägig zugängig
Videoprojektionen: 18–22 UHR

Orte:
Wilhelm-Leuschner-Platz, S-Bahn-Eingang, Innenstadtseite
Platz zwischen Thomaskirche und Commerzbank
Augustusplatz, vor dem Paulinum

 

Die beteiligten KünsterInnen reisten im Sommer 2018 in die texanische Partnerstadt, um sich zu neuen Werken inspirieren zu lassen. Sie gehen von unterschiedlichen Arbeitsweisen, Interessenlagen und Erfahrungshintergründen aus. Und sie sind mehrheitlich auch noch nicht in Amerika gewesen. Dennoch sind sie von den Bildern und Vorstellungen geprägt, die sich aus dem Fundus medialer Erzählungen in Kunst, Musik, Film und Literatur speisen. Diese Bilder, die Amerika in unserer kollektiven Imagination entstehen lassen, werden für die Ausstellung einem zweiten, genaueren Blick unterzogen. Denn schon Franz Kafka schreibt in seinem berühmten Amerika-Roman, dass ein erstes Urteil auf wackligen Füßen ruht. Kafka lässt seine bis heute treffende Erzählung eines Auswandererschicksals zwischen sozialkritischer Beschreibung, Traumsequenzen und utopischen Erlösungsmotiven changieren. Aber auch er hat den amerikanischen Kontinent nie betreten.

Die Ausstellung versucht Bilder, die beständig von einer Ökonomie des Imaginären gespeist werden, in den Blick zu nehmen und sie vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen beider Städte lesbar zu machen. Die Beiträge verstehen sich auch als Einladung, über Verbindendes und Trennendes nachzudenken. In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Fliehkräfte, in der insbesondere auch Fakten als Schlüssel zu unserer Welterfahrung unter Druck geraten sind, mag Kunst manchmal als zu vage erscheinen. Doch ihre Möglichkeiten, die Gegenwart zu reflektieren, zu übersetzen und den Raum des Denkbaren zu erweitern, sind nach wie vor Bedeutung.

Der Ausstellungsparcours ist als Spaziergang zwischen den Ausstellungsorten in der Leipziger Innenstadt angelegt. Die gezeigten performativen, skulpturalen und medial vielschichtigen Arbeiten verstehen sich als temporäre Interventionen im öffentlichen Raum. Die Ausstellungsorte Wilhelm-Leuschner-Platz, Thomaskirche und Augustusplatz ermöglichen eine Bezugnahme auf unterschiedliche architektonische, gesellschaftliche und historische Kontexte. Die Arbeiten kommentieren dabei nicht nur die Transformationen des öffentlichen Raums, sie insistieren gewissermaßen auf seinem Wert als gesellschaftlicher Denkraum.

Kuratiert von Kilian Schellbach

Mit freundlicher Unterstützung durch die Stadt Leipzig und die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig